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Prekäre Beschäftigung: Arbeit über die Grenzen der Belastbarkeit

Marek Novak (Name geändert) stammt aus Tschechien, arbeitet jedoch seit vier Jahren in Deutschland. Trotzdem besitzt er keinen festen Arbeitsvertrag. Über einen tschechischen Mittelsmann werden ihm stets kurzzeitig befristete Arbeitsverträge bei deutschen Leiharbeits-firmen vermittelt. Das führt dazu, dass er in diesen Zeitraum nie über die Probezeit hinauskommt – es gibt deshalb auch keinen Kündigungsschutz für ihn. Täglich pendelt er aus Tschechien zur Arbeit nach Deutschland. Anfang April 2017 beginnt eine Abwärtsspirale, die Herr Novak nicht aufhalten kann und die ihn letzten Endes das Leben kostet.
Herr Novak fühlt sich nicht wohl und meldet sich von der Arbeit ab, am nächsten Tag meldet er sich krank. Was er nicht weiß: Der Arbeitgeber hatte ihm zu diesem Zeitpunkt bereits die Kündigung in den Briefkasten geworfen. In der Probezeit hat er nicht viele Möglichkeiten, dagegen etwas zu unternehmen. Da seine Symptome nichts Gutes vermuten lassen, besorgt er sich einen Termin im Krankenhaus. Das ist am dritten Tag der Krankheit und zwei Tage nach der Kündigung. Gleichzeitig tut Herr Novak etwas, das andere Beschäftigte wohl nicht machen würden: Weil er von der Kündigung weiß und es sich nicht leisten kann, kein Geld zu verdienen, meldet er sich sofort bei dem Mittelsmann, der ihm auch zuvor die Stellen vermittelt hatte. Dieser besorgt ihm gleich am nächsten Tag einen Job bei einer anderen Leiharbeitsfirma. Also stand Herr Novak am Tag vor dem Termin im Krankenhaus bei dem neuen Arbeitgeber unter Vertrag. Schlecht für ihn, denn nach einer halben Stunde muss er seine Partnerin anrufen, dass sie ihn abholt, denn er kann aufgrund seines Zustands nicht einmal mehr Auto fahren. Gut für mich, denkt sich jedoch der bisherige Arbeitgeber. Anstatt die Kündigungsfrist abzuwarten, meldet er Herrn Novak sofort aus der Sozialversicherung ab – er hat ja einen neuen Arbeitsvertrag (wie ihm der Vermittler mitteilte). Doch bei dem neuen Arbeitgeber hatte er, als er nach einer halben Stunde aufgab, einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet. Auch dieser meldet ihn nur für einen Tag bei der Krankenversicherung. Als er am nächsten Tag in das Krankenhaus geht, wo ein Gehirntumor diagnostiziert wird, ist er bereits von der deutschen Krankenversicherung abgemeldet. Das heißt, ein Monat Nachversicherung, danach hatte Herr Novak keinen Versicherungsschutz mehr, außerdem hätte er sich wieder am Wohnort in Tschechien versichern müssen.
Ein Monat vergeht schnell, wenn man sich auf den Tod vorbereitet. Es gibt mehr zu regeln, als nur die Krankenversicherung. Außerdem: Wie sollte Herr Novak wissen, dass er von seinem alten Arbeitgeber noch vor Ablauf der Kündigungsfrist aus der Sozialversicherung abgemeldet wurde?
Erst als seine Lebensgefährtin sich Hilfe bei der gewerkschaftlichen Beratungsstelle für Grenzpendler bei der EURES-TriRegio sucht, wird das Dilemma deutlich. Jetzt müssen die Leiharbeitsfirma, der Vermittler und die Krankenkassen kontaktiert werden. Natürlich ist die Abmeldung vor Ablauf der Kündigungsfrist nicht rechtens, aber wie dagegen vorgehen, wenn die Zeit knapp ist? Auch das Geld ist rar gesät, die Krankenkasse zahlt kein Krankengeld.
Nur mit vielen Telefonaten und Druck durch den EURES-Berater kann die Leiharbeitsfirma dazu gebracht werden, die Abmeldung zu korrigieren - am Ende waren jedoch schon zwei Monate vergangen. Zum Schluss gibt es noch eine letzte Verzögerung: Die versprochene Meldung an die Krankenkasse wird erst mit den anderen Lohnunterlagen verschickt. Der EURES-Berater muss Herrn Novak am Telefon erklären, dass die Auszahlung des Krankengelds sich noch eine weitere Woche verzögern werde. „Aber wir sind auf einem guten Weg?“, fragt Herr Novak. Die Auszahlung erlebt er nicht mehr, am Wochenende erliegt er seiner Krankheit.

Dass Marek Novak ein Einzelfall ist, darf bezweifelt werden. Die Zahl der Leiharbeiter steigt in Deutschland kontinuierlich an. Im Juni 2016 wurde die Millionenmarke erstmals geknackt und der Trend setzt sich weiter fort. Auf der einen Seite wird den Arbeitssuchenden suggeriert, dass der Einstieg in die Arbeit mit der Leiharbeit einfach und unkompliziert wäre – von der Bewerbung bis zum ersten Arbeitstag verginge nur wenig Zeit. Meist erhalten sie auch ohne geeignete Ausbildung die Möglichkeit, direkt in den Job zu starten. Und doch sollte man die Schattenseiten dieses Arbeitsmodells nicht außer Acht lassen: Unterdurchschnittliche Löhne, unseriöse Vermittlungen zwischen eigentlichem Arbeitgeber und Zeitarbeitsfirma sowie wechselnde Einsatzorte erschweren das Leben der Leiharbeiter. In einigen Fällen sind aufgrund der komplizierten Arbeitsverhältnisse sogar ganze Existenzen in Gefahr – wie die von Marek Novak. Seine Geschichte ist ein erschreckendes Beispiel dafür, was passiert, wenn das Interesse der Arbeitgeber an einer unbürokratischen Beschäftigung über den Arbeitnehmerschutz gestellt wird.

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